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Der Dreischneuß
Zeitschrift für Literatur, Hrsg.: Regine Mönkemeier
Marien-Blatt Verlag, Lübeckr

So nah und doch so fern – zum  Erzähldebüt von Ulrike Schäfer

Nachts, weit von hier – ein Sammelband mit Geschichten von Ulrike Schäfer ist im letzten Jahr bei Klöpfer & Meyer in Tübingen erschienen. Viele Texte dieser Ausgabe wurden bereits in Literaturzeitschriften publiziert, und nicht wenige davon bei Wettbewerben preisgekrönt. Auch in Der Dreischneuß, im Themenheft Labyrinthe, konnte Ulrike Schäfer mit ihrer beeindruckenden Prosa entdeckt werden.
In dem vorliegenden Band erwarten den Leser 18 sehr unterschiedliche Geschichten, die im Grenzland zwischen Erinnerung und Tageswirklichkeit angesiedelt sind. Es sind Momentaufnahmen, die auf die großen Themen des Lebens verweisen. Als Meisterin des Auslassens baut sie in ihren Erzählungen eine faszinierende Spannung auf, meidet Vordergründiges und enthüllt Verdecktes.
Sie erzählt von der Flucht eines Mannes, der von Schuldgefühlen getrieben, fortgehen muss. In der Ferne rettet er ein Kind, er weint bei den Dankesworten der Mutter, aber diese weiß nicht, dass er das falsche Kind gerettet hat. Sein Handeln lässt ihn den Weg zurückfinden, zu sich und seiner Tochter, die im Fluss ertrank. Erst dann kann er Blumen auf ihr Grab legen und wieder bleiben.
Die Geschichte Das Haus zeigt die Verlorenheit und Hilflosigkeit einer alten einsamen Frau, die an der Last, ihr Haus in den Bergen verkaufen zu sollen und der fortschreitenden Krankheit, die ihr das Gedächtnis raubt, zerbricht. Sie findet in ihrer Verwirrung den Tod unterhalb der Felsen ihres Hauses. Geschichten mit schwierigem Hintergrund überwiegen in diesem Band, doch nur in den wenigsten ist kein Hoffnungslicht sichtbar. In Tanzen erzählt Schäfer hinreißend von einem Zusammentreffen zweier Frauen, von dem Glück der einen, die vorher oft ein anderes Leben träumte, die im Tanz mit einer Fremden auf einem Bootssteg in Finnland Befreiendes erfährt und es als Geschenk und Erkenntnis bergen kann. Die titelgebende Geschichte einer Frau, die wegen eines Nichthandelns von Schuldgefühlen verfolgt wird, besticht durch die spannende Verflechtung der Erzählstränge.
In Pralinenmann erzählt ein 39-jähriger Ich-Erzähler von seiner Beziehung zu einem Charly, der ihm bei seinen Café-Tagen zugelaufen sei. Charly war merkwürdig stimmig in sich. Er sagte alltägliche Dinge und streute, wie Perlen, hier und da kleine Absurditäten ein. Er war sanftmütig und penetrant, eine diskrete Klette. Ein raffinierter Verrückter.
Doch trotz kritischer Skepsis meidet er nicht die Zusammentreffen mit Charly, findet Gefallen an den verschrobenen Gesprächen mit Wortspielereien aus Technik und Klatsch, zunächst unbewusst erkennt er ihn als Bollwerk, in seiner schwierigen Lage, in der ihm der Verlust seiner Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität droht. Die Stunden mit Charly im Café sind für beide belebende Lichtblicke. Wir lebten in einem Pralinen-All.
Ulrike Schäfer zeigt die beiden in ihrer Verlorenheit und Abweichung vom Normalen überzeugend und ohne Ressentiment zwischen Absurdität und Skurrilem. Sie unterstreicht dies mit bildhaften Beschreibungen der Begleitumstände: Er hatte einen segelnden Gang und müffelte, wenn er mir zu nah kam. Aber meist saßen wir uns gegenüber und es roch nach Kaffee.
Der Ich-Erzähler verliert den zuckerkranken Charly durch den Versuch, ihn vor seiner Pralinengier zu retten, nennt ihn erst nach seinem Verschwinden einen Freund, merkt, dass er nun ganz allein ist: Das Café ist dasselbe, ich sitze darin wie eh und je und bin auf verstörende Weise ungestört. So also fühlt es sich an, denke ich: jemanden zu verlieren. Irgendwann musstest du das ja erleben.
In ihrer starken eigenständigen Prosa beherrscht Ulrike Schäfer die Kunst, zum Kern ihrer Geschichten zu führen. Sie umkreist mit klarer Sprache und mit Unausgesprochenem ihre Protagonisten, entwickelt in ihren Themen eine besondere Intensität, die die Leser gefangen nimmt.

                                                                                                                                Ulrike Schäfer: Nachts, weit von hier, Erzählungen, Klöpfer & Meyer, Tübingen,  2015,
geb. Ausgabe, 184 S., ISBN 978-3-86351-405-1, 20,- Euro

 

 

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