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Der Dreischneuß
Zeitschrift für Literatur, Hrsg.: Regine Mönkemeier
Marien-Blatt Verlag, Lübeckr

Morgens, kurz vor acht

Wenn A., morgens um kurz vor acht, an einer Fußgängerampel stehenbleibt, für einen Moment die Augen schließt, um an seine schwerkranke Frau im Krankenhaus zu denken und an die siebenjährigen Zwillinge, Marie und Tom, die er eben erst zur Schule gebracht hat, dann die Augen wieder öffnet, sich zur Seite dreht und einen Fremden, nennen wir ihn der Einfachheit halber B., fragt, ob dieser sich nicht wundere über die Gleichzeitigkeit der Dinge in der Welt, B. verwundert aufblickt und ihm, A., mit einem Lächeln begegnet, weil er sich erst gestern Abend noch, ausgerechnet beim Zähneputzen, dieselbe Frage gestellt hatte; dann – ja dann, treffen unverhofft zwei Gedanken aufeinander, die doch eigentlich ein Gedanke sind, morgens, um kurz vor acht Uhr, an einer roten Ampel, im Nieselregen dieser großen Stadt, mit ihren vielen Straßen und Autos und Häusern und Menschen.
Vor Jahren noch, denkt A., wäre ihm der Gedanke an die Gleichzeitigkeit der Dinge niemals in den Sinn gekommen. Früher hätte er mit unbekannten Dritten an roten Ampeln gestanden und einfach an nichts gedacht; zumindest denkt er das heute. Und hätte ihn jemand früher auf einen solchen welthaltigen Gedanken gebracht, den er eben dem Anderen gegenüber so schnell und keck geäußert hatte, hätte er diesen einen Gedanken zwar zur Kenntnis genommen, dann aber schnell ein anderes Thema angeschnitten. Sicher hätte er über Fußball geredet, über verlorene und gewonnene Spiele, neu zusammengewürfelte Mannschaften und die vielen Projekte, die er als junger Anwalt in der Kanzlei seines Onkels zu verantworten hatte. Aber das ist Vergangenheit – Geschichte. Und er? Er – ein Anderer.
Und jetzt? Jetzt steht er da. Und B.? B. steht ebenfalls da und scheint in Gedanken. Auch er hatte sich ja gefragt, wie man all diese Gleichzeitigkeit überhaupt aushalten kann. Noch am gestrigen Abend war das gewesen, erinnert sich B. Er hatte sich im Spiegel in die Augen geschaut und das erste Mal seit langer Zeit nicht mehr nur an sich gedacht, sondern auch an die vielen anderen.
.............................................                             (Auszug)

                                                                                           © Karsten Redmann, Bremen