Undine

Er sah, wie sie ins Meer hinaus schwamm, sah, daß die Rückkehr ihre Kräfte übersteigen mußte. Also wendete er das Boot. Die Segel spannten sich. Er brauchte Zeit, die eigensinnige Schwimmerin einzuholen. Endlich war er neben ihr, fischte sie aus dem Wasser. Völlig erschöpft lag sie auf den Planken. Er bot ihr etwas zu trinken an. Sie lehnte ab. Sie sah blaß aus. Er bekam es mit der Angst, ob er sie wirklich gerettet hatte.
Er erkundigte sich: »Hatten Sie die Orientierung verloren?«
»Nein ...«
»Weshalb sind Sie dann so weit ins Meer geschwommen? Sie hätten ertrinken können!«
Dieser Gedanke erheiterte sie so, daß sie laut lachte. Der Mann verstand eine solche Reaktion nicht.
»Oder wollten Sie sich etwa das Leben nehmen?«
Sie schüttelte den Kopf: »Was ich nicht habe, kann ich mir nicht nehmen ...«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Vielleicht wollte ich von Ihnen gerettet werden ...«
»Sehr riskant«, knurrte er. Und er sah, daß ihr blondes Haar mit Algen durchzogen war.
»Bleiben Sie noch länger auf der Insel?« fragte er versöhnlich.
»Bleiben ist Menschensache. Niemand kann wirklich bleiben. Aber ich werde wiederkommen. Das ist mehr ...«

Inzwischen waren sie in der Nähe der Mole angelangt und er hatte alle Hände voll zu tun, die Segel zu bedienen, um nirgends anzustoßen oder aufzulaufen. Als er sich wieder der Geretteten zuwenden wollte, war sie verschwunden. An den Klippen sah er ihre schöne Gestalt auftauchen. Und jetzt schien ihr Haar grün zu sein und golden zugleich. Sie winkte zu ihm herüber. Er wendete augenblicklich sein Boot . . .

                                                  (c) Walter Lobenstein, Hannover