Ein anderer Tag
Das Kind mußte schon eine geraume Weile durch die Straßen, über freie Plätze gelaufen sein. Der leichte Nieselregen, der fadendünn niederfiel, hatte seine langen braunen Haare besprüht, das hübsche Mäntelchen durchnäßt, das in
großen Falten bis zu den Knöcheln herabhing. Etwas Unausgesprochenes war um das Kind, etwas Verhängnisvolles. Und so schien es auch folgerichtig, daß es über einen Stein stolperte, stürzte. Ein alter Mann, der im Moment des
Sturzes vor einer Buchhandlung stand, drehte sich erschrocken um. Dann bückte er sich und hielt dem kleinen Mädchen seine Hand hin. Eine verrunzelte Hand mit langen schmalen Fingern. Eine Hand, die Vertrauen einflößte.
Das Kind reagierte unerwartet. Es sprang auf, kehrte sich ab. Der sorgfältig gekleidete Mann zog die Hand zurück und klappte den Schirm zu. In seinem freundlichen Gesicht zeigte sich keine Enttäuschung oder gar Ärger, weil
die Kleine ihn zurückwies. Nur Bedenken zeigte sich, daß sie ihm ohne ein Wort, ohne Lächeln davonlaufen würde. Also stellte er sich ganz dicht neben das Mädchen. »Merkwürdig«, dachte er »bei manchen Menschen läßt es einen kalt,
was mit ihnen geschieht. Verunglücken sie, dreht man den Kopf zur Seite und geht seines Weges. Aber diese Kleine möchte ich trösten, beruhigen. Und ich bin sicher, daß sie Trost nötig hat.« Plötzlich war es ganz still, als wäre die
Welt unbewohnt. Das kleine Mädchen drehte sich seitwärts und schaute den alten Mann aufmerksam an. Der Alte machte keinen Versuch, das Kind durch eine Berührung seiner Nähe zu versichern. Er gab ihm zu verstehen, daß er das
Schweigen als eine Art Verteidigung begriff. Und daß er durch sein Schweigen die verletzte Würde zurückgab, das Kind wieder fest auf seine Beine stellte. Mit einem kaum erkennbaren Lächeln sah er einem hellen Schimmer hinterher,
als sich das Kind langsam in Bewegung setzte und unter dem zarten Regenschleier verschwand.
(c) Renate Gleis, Karlsruhe |