Undine III 

...                                                                                 (Auszug aus Undine III)

Die ganze Zeit war – nicht aufzulösen durch meine Wut und Beschämung darüber – der Veilchenwasserduft um mich, der mich verdarb, der mich peinigte, der mich erboste, der mich an nichtssagende weiße Spitzenkleider denken lies und an bittersüße Blicke von Männern zu Frauen hinüber und an bittersüße Blicke von Frauen zu Männern und an etwas, das ich nicht zu benennen wusste, das mich betraf.«

Ich glaubte ihm in diesen Minuten kein Wort mehr, wollte kein Wort mehr hören von Veilchenwasser und anderen Jahrhundertwendedüften und von Geigenkästen und Leselust. Ich verachtete ihn dafür, dass sich in ihm nach all den Jahren in der Klinik noch solche Worte fanden, dass sie in ihm nicht wegsterilisiert worden waren unter all den Düften von Leiblichem, von Formalin und von Des-infektionsmitteln.

Was wollte er mir sagen, warum wollte er es mir sagen? War ich nach den vielen Jahren (es waren seine letzten an der Universität gewesen, seine erfahrensten, reifsten, altersmildesten) noch immer zu bescheiden, mich seine Kollegin zu nennen, so nannte ich mich doch nicht zu Unrecht seine Schülerin, stand an Eifer, an Qualifikationen, an Publikationen und Fachkompetenz seinen männlichen Schülern in nichts nach, hatte keine Überstunde ausgelassen, die jene unter seiner unerbittlichen Autorität stillschweigend abgedient hatten, die er mir, einer Frau, aber vielleicht aus Höflichkeit nicht mit derselben Unerbittlichkeit nahegelegt hatte. Und er redete zu mir von Wasserfrauen, von Märchengestalten!

»Und?«, ich versuchte dies freundlich zu fragen.

»Ich las den ganzen Abend. In der folgenden Woche begannen meine Geigenstunden. Die Lehrerin hatte hellbraunes Haar, auf schwarzen oder dunkelblauen Kleidern, oder wenn die Sonne schien, war es rötlich. Ich wusste es von der ersten Stunde an und ohne ihr nur einmal in die Augen zu sehen: Sie war aus dem Meer gekommen. Eines Tages, viel später, ich hätte damals schon meinen Vater auf der Geige begleiten können, wäre er nicht so früh gestorben, kehrte sie in ihrer Verzweiflung dorthin zurück. Das war wegen der Messerschmerzen der kleinen Seejungfrau.«

In dieser Bemerkung konnte ich ihm wieder folgen: Ich habe Manns Dr. Faustus gerne und mehrfach gelesen, kenne Manns Bewunderung für Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau, die sich die Menschenbeine mit unerträglichen Schmerzen erkauft, so als ginge sie auf Messern.
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                                                                                     (c) Sophia Doms, Mainz