Von der Flüchtigkeit der Natur Eine Vogelspur zählt zu den eher flüchtigen Erscheinungen im Bereich
der Natur. – Flüchtige Erscheinungen sind die Gedichte, die im jüngsten Band des zuletzt mit Erzählungen an die Öffentlichkeit getretenen Schriftstellers Martin Krauss vereinigt sind, wohl kaum. Beachtlich ist die Anzahl von
Versen, die sich dem aufmerksamen Leser einprägen und nachwirken. – Kann von einem Lyrikband mehr gesagt werden? – Im Falle von Martin Krauss’ »Vogelspur«, unlängst im Dresdener Verlag Die Scheune erschienen, ist diese Frage falsch
gestellt: Es muss wohl einiges mehr gesagt werden, um diesen Gedichten gerecht zu werden. Zu kompromisslos ist die Poetologie dieser Verse, als dass sich ihre tiefere Qualität auf den ersten Blick erschließt.
Reichlich unverblümt streut Martin Krauss Insignien der medialen Gegenwart, der Industrie, der mobilen Gesellschaft in seine Gedichte ein. Vom »Tetrapack« ist da die Rede, von »Mainzelmännchen« und von »Deutscher Bank«. Die
Wortwahl schmerzt, und das nicht nur, weil diese Poetologie des Alltäglichen längst obsolet geworden schien. Sie schmerzt, weil sie – auf den ersten Blick – so augenscheinlich die durchaus gelungenen poetischen Reflexionen über die
Natur zu stören scheint. Aber genau darin initiiert sich die eigentliche Qualität dieser Dichtung. Hier schreibt einer, der unsere Wirklichkeiten wahrzunehmen vermag, der ihre Paradoxien offenlegt, kompromisslos und radikal. Das
muss schmerzen. Zumal dann, wenn die Natur nurmehr im Reflex des Ökonomischen erblickt werden kann, wie in jener Frage, die der Anblick eines Bankgebäudes aufwirft: »Wenn die Fenster / den Himmel nicht spiegelten /
welcher Kurs / würde noch steigen?« – Und doch: Bei aller Radikalität eignet diesen Versen auch ein versöhnendes Element, das der Natur – zumindest in der poetischen Betrachtung – wieder zu ihrem Recht verhilft. Besonders im dritten Teil des Bandes entfaltet die Perspektive der Versöhnung ihre Wirkung, ohne sich in eitler Harmonisierung zu verlieren: »Über eine im Walde / aufgefundene Lichtung / fließt blau der Traum / vom Hintergrund allen Geschehens (...) kühl gießt die Sonne / ihr kluges Licht in den Raum / wir lesen, sei ruhig / sanft rascheln die Blätter«. – Nein, eine sanfte Beruhigung sind diese Verse nicht. Sie sind Mahnungen vielmehr, auf der Höhe der Zeit. Souverän handhabt Martin Krauss die Klaviatur seines poetischen Sprechens; gekonnt entfalten sich Enjambements, Paradoxien und Vieldeutigkeiten. So zeichnet seine »Vogelspur« kein flüchtiges Bild, sondern ein gültiges Panorama von der Flüchtigkeit der Natur in unserer Zeit. (c) Christoph Leisten, Würselen Martin Krauss: »Vogelspur«, Gedichte, Verlag Die Scheune, Dresden 2002, ISBN 3-931684-70-9, 92 S., 9,90 Euro
|