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Was man einsehen soll, hört sich so ausleuchtend an |
(Über den Gedichtband »lrrläufer« von Walle Sayer) |
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Walle Sayer (*1960) aus Horb-Dettingen am Neckar ist kein Unbekannter. Nach einigen kleineren Veröffentlichungen
brachte ihm der Gedichtband »Zeitverwehung« im Jahr 1994 den »Thaddäus-Troll-Preis« ein, nach den Prosaminiaturen »Kohlrabenweißes« im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag erhielt er 1997 den Förderpreis zum Bad
Homburger Hölderlinpreis, den Berthold-Auerbach-Preis und 1999 den Förderpreis der Hermann-Lenz-Stiftung, um nur die Wichtigsten zu nennen. Dazwischen lagen zahlreiche Publikationen in Zeitschriften, wie z.B. der ndl
des Aufbau Verlags. |
Sayers neuer Lyrikband »Irrläufer« gliedert sich in sechs Kapitel. Im ersten sind Vergegenwärtigungen, durchaus auch
Reminiszenzen und Versenkungen in die Kindheit versammelt. Beobachtungen an Erwachsenen, abgelegene Pfade und geheime Plätze einer phantasievollen und unsegmentierten Zeit. |
Das zweite, »Hörtest«, deutet Geräusche und deren Umfeld aus: die Schritte des Zuspätkommenden in der Kirche, der zu Boden
fallende Bleistift in der Zimmerei, der Teppichklopfer im Garten etc. Erstaunlich, was Beschreibung von Klängen an Assoziationen hervorruft. |
Das dritte und sechste Kapitel sind poetische Reflexionen von »sprechenden« Gegenständen, von Splittern der Geschichte
(wobei Geschichte als Besinnung auf aufgegebene, abseitige, aber vielleicht doch nicht ganz zu verwerfende Wege zu begreifen ist — und als Wechselwirkung zwischen persönlicher- und Kulturgeschichte), über die Liebe,
Freundschaften, Land und Leute, wobei »das Schwäbische der Herkunft«, auf das der Klappentext verweist, sich zwar durch die Merkmale der Provinz und durch sprachlichen Niederschlag von Heimatgefühl ausprägt, jedoch
nicht so bestimmend wirkt, daß es nicht problemlos übertragbar wäre. Gestaltet werden Momente, die, wie Sayer einmal schrieb: »Realitätsverlust, was das alltägliche Leben angeht und einen Wahrnehmungsgewinn bringt, das
Außerhalb-, das Am-Rande-Stehen, das Fremdsein« zum Ausgangspunkt haben – also eine meditative Sicht, manchmal auch eine ironische, auf »Auf all das, was auf eine Festplatte geht. / Kuhhaut, täten die Großväter murren.«
(»Schmierblatt«) |
Unterbrochen werden beide Kapitel von zwei weiteren Zyklen: einem, der sich mit dem Phänomen Fußball auf sehr
hintergründige Weise beschäftigt: kickende Kinder, Alt-Stars in der Provinz, Besäufnis im Vereinsheim ..., einem zweiten, der als »Briefschatulle« durch wenige, marginale Mitteilungen den Geschmack jeweils eines Lebens,
ein Personen- und Zeitbild wachruft. |
Walle Sayers Gedichte sind von unverwechselbarem Tonfall: knapp, dicht und präzise, zudem getragen von innerlicher
Musikalität. Sie sind nachdenklich, oft wehmütig, kritisch und selbstkritisch, frech, gefühlvoll bis zur Intimität, dabei offen zu individueller Interpretation, originell und von allegorischer Kraft. Zwei Beispiele für
die Wege auf denen das erreicht wird: |
Er adaptiert gerne profane Textformen, wie Briefe, Notizen, Rechnungen, und projiziert seine Inhalte hinein. »Glücksspiel, Anleitung / Aug um Aug und Kuß um Kuß, / Mindesteinsatz gibt es nicht, / sei kein Schmerzverderber, / komm, mach deine gute Miene, / wir spielen’s
aus und nehmen / Würfelzucker: weiß gewinnt.« |
Häufig erkundet Sayer die Sprache, indem Worte und Wendungen auf Klang, Nebenbedeutungen usw. befragt werden. Seine
Vorgehensweise ist dem Mikroskopieren vergleichbar (wobei aus Mikrokosmen ein neuer Makrokosmos entsteht). Dabei wahrt Sayer Authentizität, etwa wenn in »Fixativ« der Metzger »Stücker runtersäbelt und sie /
schiebt in seinen Mund ...«. Und er zeigt in der Wahl seiner Sujets Einfühlung in und Achtung vor den Kleinigkeiten des Alltagslebens, deren poetischen Gehalt er entfaltet; so z. B. wenn in »Arbeitsnachweis« der
Handlanger am Bau Fliegen in die Spachtelmasse rührt. Das Spielerische mit der Sprache, gleichsam das Verdrehen von Wendungen, wird in »Irrläufer« nicht so exzessiv betrieben wie in »Zeitverwehung«, gehört aber noch
immer zu Sayers Mikroskopier-Linsen. |
Versenkt? Abgehoben? Der Effekt dieser Lyrik ist beeindruckend real. Obgleich die Gedichte Tiefe haben, erhebt sich nie
die Klage, »Was will der Dichter wohl damit sagen?«.- Sayers Sprache ist unverschlüsselt, klar; doch denkt der Leser nach (und weiter) über das, was da gesagt wurde. Ein substanzieller Gewinn ohne
Belehrung; denn »was man einsehen soll, hört sich so ausleuchtend an« (»Irrläufer«, S.107). |
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Walle Sayer: »Irrläufer«, Gedichte,
112 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2000, ISBN 3-931402-56-8, 28,- DM. |
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© Martin Krauss, Lauterbach / Hessen |
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