Mehr als ein Duft von Kamille

Über den Prosaband »Kamille« von Martin Krauss

 

»Kamille« - das neue Buch mit Prosatexten von Martin Krauss und Federzeichnungen von Heinz Seibert ist im letzten Herbst im Gallimathias Verlag in Fulda erschienen. Es ist das vierte Buch des 34jährigen Schriftstellers aus Lauterbach.

Martin Krauss beginnt mit dem winzigen Prosastück »Text«, das sogleich dem Leser zeigt, worauf er sich einlassen soll: »Das Vorstellbare ist eine gelungene Vorstellung. Das Unvorstellbare das, was danach kommt.«

Texte über die Liebe, das Erinnern, von der Angst und dem Alter, der Kindheit, dem Wünschen und Wollen, über den Verlust, auch vom Finden und Suchen. Außerdem zwei größere Zyklen, zunächst »Das Jahr«, das mit dem »Winter« beginnt.

Hinzu kommen Porträts von Personen. Vorgestellt werden: »Der Rosenzüchter«, »Die Buchhändlerin« oder die Putzhilfe in »Eichenlaub«. Es folgen andere wie »Die Mutter« oder »Der Lehrer«. Alle Personen erscheinen als Echofiguren der Wirklichkeit und tragen ein Schultertuch aus Fiktionen.

Mein liebstes Porträt ist »Die Ärztin«, die sich, auch aus gesundheitlichen Gründen, zur Ruhe gesetzt hat und immer wieder in den Warteraum und ins Sprechzimmer geht. Ihr Dialog mit dem Papagei ist ein Balanceakt zwischen Imagination und ungeschminkter Realität, den Martin Krauss ohne jedes Pathos und mit einem Schuß Komik glänzend vorführt.

Nicht nur in dem Zyklus »Das Jahr« ist die Ungewißheit Ziel seines Erzählens - »Wir, das sind du und ich. Du und ich, das sind wir. Weit entfernte Bekannte.« - »Ich höre, was du nicht siehst. Geräusche sagen, was du denkst, wenn ich spreche.«

Martin Krauss will immer beides, Ton und Geräusch, Distanz und Nähe, so stoßen subtile Kontraste aufeinander. Er setzt Literarisches und Profanes, Heiteres und Ernstes, Wirkliches und Unwirkliches dicht nebeneinander, ohne daß die Brüche irritieren, sondern dem Leser vielschichtige und neue Sichtweiten eröffnen: »Überall ist das Meer, aber fern.«, »Laß uns versuchen, oben und wach zu bleiben in dieser Tiefe.«

Hinter lakonischen Feststellungen verstecken sich Miniaturen von Bildern oder Geschichten: »Hinweispfeile für geradeaus weisen immer nach oben«, »Nebenerwerbsglück, quittiert mit Teilzeitlächeln«, »Wer zurückblättert in der Hälfte des Romans, ist schon am Ende« oder »Das Bleibende ist unwiederholbar.«

Martin Krauss stellt in dieser Prosa mit seiner verhaltenen klaren Sprache viele Fragen, doch hütet er sich davor, Lösungen aufzuzeigen, er läßt die Leser entdecken. Sein Aussondern von Details aus anscheinend festen Zusammenhängen ist ein Durchstoßen konventioneller Blickwinkel. Dies wird an dem Porträt »Vogelscheuche« sehr deutlich.

Die Texte sind »Für Lazarus«, der aufmerksame Leser stößt in »Ruhe« auf den Grund dieser Widmung: » Und finde: Was diese, jede Auferweckung bringt, ist nicht das Leben.«

Die Prosastücke aus »Kamille« sind keine herkömmlichen Erzählungen, lediglich in dem Text »Aus dem Paradies« breitet Martin Krauss einen fast altertümlichen Erzählteppich mit Plot aus, um mit unwirklichen Bildern den Blick - wie durch ein Schlüsselloch - auf den Hintergrund zu lenken.

Alle anderen Texte aus »Kamille« sind Grenzgänger zwischen Prosa und Lyrik, lyrische Prosa. Wer nach durchgehenden Handlungsabläufen fahndet, wird überrascht sein, doch schließlich werden die Präzision seines Ausdrucks, die leuchtende Bilderfülle, unterstrichen durch Sprachmelodie und Rhythmus, wie auch die strenge Verdichtung der kurzen Texte die Leser gefangen nehmen.

Die Zeichnungen von Heinz Seibert sind keine Illustrationen kurzer Erzählelemente der Texte, sondern einfühlsame Interpretationen mit Tusche und Feder in pointierter Linienführung.

 

                                                                                       (c) Regine Mönkemeier, Lübeck

 

Martin Krauss: »Kamille«, Prosa, mit 10 Federzeichnungen von Heinz Seibert,

Gallimathias Verlag, Fulda 1999, ISBN 3-925654-34-8, 96 S.,18,- DM