Keine Erkundungen im Himmel, keine Engel
                 (Über den Gedichtband »Probebohrung im Himmel« von Jan Wagner)

Jan Wagners erster Gedichtband - »Probebohrung im Himmel« - erschien im Frühling 2001 in Berlin und konnte bereits viel Aufmerksamkeit und Lob auf sich lenken.
1971 wurde Jan Wagner in Hamburg geboren und lebt nach Studienjahren in Hamburg, Kiel und Dublin in Berlin. Er hat englischsprachige Lyrik übersetzt, vor allem Gedichte von Charles Simic und James Tate; für die Tate - Übersetzungen erhielt er 1999 den Übersetzerpreis der Stadt Hamburg.
Neben Beiträgen in Tageszeitungen wie der FAZ (Rezensionen und Übersetzungen) ist er Mitherausgeber der Lyrikzeitschrift »Die Außenseite des Elements«, der Literaturschachtel, die als Loseblattausgabe in Berlin und New York erscheint.
Einer Vielzahl von Lesern ist er durch seine Gedichte bekannt, die in den letzten Jahren in zahlreichen Zeitschriften erschienen sind. Dreischneußleser werden sich an seine Gedichte aus der 6. Ausgabe erinnern, besonders »Im Norden« löste damals ein vielstimmiges Echo aus.
Jan Wagner erkundet nicht den Himmel, sondern führt den Leser nach »dubi«, nach »danzig, ... « in die »kollwitzstraße«, berichtet von »erinnerungen an las vegas«, breitet Reiseeindrücke im Zyklus »kretische skizzen« aus: »../auf dieser säule die auf nichts verweist/ als jenen summenden teppich aus klee an dem die bienen weben./« Er führt uns in »gaststuben in der provinz«, überrascht uns mit Stillleben: »ein großer fisch, gebettet auf eine zeitung,/ ein tisch aus holz in einer hütte in/ der normandie. ganz still, ganz warm – .../«
Allen Gedichten gemeinsam ist ein klarer und präziser Ausdruck, nichts ist gesucht, gezwungen oder manieriert, es ist die Einfachheit der Sprache, die den Leser gefangennimmt. So wird seine durchgehende Kleinschreibung höchstens als ein Hauch von Extravaganz bemerkt. Jan Wagner beobachtet was still ist, zeigt im Alltäglichen das Besondere: »die luft mit der dichte von carraramarmor:/ eine frage der zeit, dann bräche der asphalt/ zusammen unterm kreuzverhöhr der sonne./«

In »erinnerung an las vegas« wird deutlich, wie Jan Wagners Wahrnehmungen über das Gesagte hinausweisen: »plötzlich konnten wir sie hören./ in der pause zwischen applaus und dem nächsten stück,/ in der kurzen stille, groß und still: die wüste/«
Fast alle Gedichte dieser Sammlung erhalten Glanzlichter durch die verwendeten Methaphern und Vergleiche, Bilder von ganz eigener Sprache und Schönheit, sie sind neu und erscheinen zugleich überraschend vertraut: (Eier)-»kohlen ... - die nacht in kleinen stücken« und im selben Gedicht: »..... ein haufen,/ von schwarzen augen, die nicht blinzeln werden.«
Und aus der Überfülle der Vergleiche: »milchgetränke, dick und fest und süß/ wie die minuten dieses sommertages:/«, »weit draußen die signale eines schiffes/ wie ein ängstliches jungtier das die herde verlor./«, »das moos, über umgestürzte stämme gebeugt/ wie ein bibliothekar über alte folianten./«, »von generation zu generation/ reichen wir uns weiter seine haut/ wie ein familienerbstück, einen frack./«
In »danzig, ungesehen« finde ich ein hinreißendes Bild: »die fensterläden, wie in allen städten/ nahe der küste nur nach außen zu öffnen:/ die ausgebreiteten arme einer braut,// bereit das meer zu empfangen./«
An schönen Beispielen zeigt Jan Wagner, wie er mit klassischen Formen spielen kann, so eine Variante einer Sestine: »in den jahren vor dem champagner« oder in der Form des Hirten- und Bauernliedes in »herbstvillanelle«.
Wer Gedichte wie »champignons«, »kohlen«, »im sommer '99«, »fenchel« oder »quedlinburger capriccios« schreibt, von dem haben wir noch sehr viel zu erwarten.
Der Berlin Verlag präsentiert Jan Wagners Gedichte im eleganten Einband - in Blaugrau, der Farbe des Himmels über Hamburg - mit ansprechendem Schutzumschlag und Leseband.
                                                       
                                                                                                            (c) Regine Mönkemeier, Lübeck

Jan Wagner: »Probebohrung im Himmel«, Gedichte,
Berlin Verlag, Berlin 2001, 80 S., gebunden, 24,- DM