Ohne sie |
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Sein schräger Blick streift das Foto an der Wand. »Mama!« |
Justin mag das Wort nicht. Kitschig. Babyhaft. Puppensprache. |
Aber es fliegt ihm in den Kopf. Immer, wenn er an der Flurgarderobe vorbeigeht. Da hing ihr Mantel, ihr Schal, ihre Mütze,
manchmal auch der rote Pullover. Ihr Geruch. Jedesmal muß er die Garderobe ansehen. Kahl. Steril. Seines Vaters langer Mantel. Der Hut. Der schwarze Schirm. Oder gar nichts. |
»Ich kann meine Tasche nicht finden!« |
»Da steht sie doch, hinter der Tür!« |
Justins Vater sieht auf die Uhr. »Es ist höchste Zeit! Mach, daß du aus dem Haus kommst!« |
Er muß zur Schule. Der Aufsatz. Über das Museum. Ihm war nichts Rechtes eingefallen. Er hat die Gänge
beschrieben, die Räume, und darin Bild an Bild. Ein Lieblingsbild sollte man nennen, oder zwei. Er hat an die gelbe Frau mit dem roten Haar gedacht. |
Gauguin: Das verlorene Paradies. |
Mutter hat rotes Haar. Blüten im Haar. Wie schön sie war damit. Mutter mit Blüten im Haar. Das Foto zu Haus an der Wand.
Und was schreiben? |
»Alle Bilder waren schön. Ich freute mich an ihnen und dachte an die Maler, die daran gearbeitet haben. Gauguin reiste
sogar auf eine Insel im Stillen Ozean. Da malte er die Frauen!« |
Er stellt sich vor, er könnte selber malen, Frauen mit Blüten im Haar. Seine Malkünste sind ziemlich mies. Vielleicht geht
es besser mit Ölfarbe. Er will Vater darum bitten ... |
Es ist schon fast zu spät. Ziemlich atemlos kommt er als letzter in die Klasse. Der kleine Lennart guckt erstaunt. Sonst
ist Justin bei den ersten. |
Sein Platz ist kalt. Er verstaut die Tasche. Sein Nachbar fehlt heute wieder. Die Lehrerin fragt nach den Aufsätzen,
sammelt die Hefte ein. Einige haben nichts gemacht. Es wird palavert. Ihre Stimme ist wie Blech. Immer egal. Mamas Stimme: mal so, mal anders. Warm irgendwie. |
Sie packte den Koffer und weinte dabei. Im September war das. Er wollte bei Vater bleiben. Er ist ja dessen Stolz. Vater,
der bekannte Arzt! Seine Praxis, immer voll. Ein paarmal war er da. So souverän. Alle Leute sehen zu ihm auf! So will er auch mal sein. |
Bald ist Weihnachten. »Was wünschst du dir?«, will Vater wissen. Einen neuen Anorak von Diesel, den bekommt er bestimmt.
Und Schuhe! Irgendwelche Bücher. Alles so öde. Eine richtige Überraschung wünscht er sich. Zwei in der Klasse haben schon einen PC. Ob er sich den? Eigentlich egal was! Nur eben überraschend. Die anderen interessieren
sich für Bands und Actions. Oder Fußball. Er sitzt am liebsten in der Büchernische, seine Helden, die tollen Ereignisse, diese vielerlei Welten, alle griffig um sich herum. Spannend. Fesselnd. Er kann da versinken.
»Sitzt du wieder auf deiner Schatzinsel?«, hat Mutter gesagt, wenn sie ihn schon ein paarmal umsonst gerufen hatte. »Zum Essen kommen. Besorgungen machen!« |
Vater braucht ihn nicht. Die Bestellungen erledigt Susanne, die Studentin aus der Nachbarschaft. Die sorgt auch für das
Essen am Abend. |
Die Schule ist langweilig. Er geht immer schnell nach Haus. |
Unterwegs eine Pizza. Oder einen Doppeldecker. Manchmal auch Kuchen. |
Bald ist Weihnachten. Ohne sie. »Mama!« Die Tage sind jetzt alle grau, naßkalt. Vater kommt frühestens in drei Stunden aus
der Praxis. Müde. »Hallo, wie geht’s?« Meistens will er nichts hören. Höchstens von den Noten der Klassenarbeiten. Manchmal erzählt er etwas von Patienten. Nicht oft. |
Sie hat eine Telefonnummer hinterlassen. Er steht vor dem Gerät. Warum eigentlich nicht? Er wählt. Es schellt mehrere
Male. Und da ist die Stimme! »Hier Magdalene. Wer ist da?« |
Er sagt kein Wort. Die Frage wird wiederholt: »Hallo, wer ist da bitte? Bist du es, Justin?« - Nach einer langen Pause
hängt sie ein. |
Er sitzt wieder in seiner Ecke. Greift sich das Lexikon. Blättert. Sie hat seinen Namen gesagt. Er blättert von vorn bis
hinten und wieder zurück. Die Tropfen tupft er mit dem Ärmel auf. |
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© Margret Feldkamp, Münster
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