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Poetisches Denkmal für das mittelgebirgische Dorf
[Zu Theo Breuers Gedichtband »Land Stadt Flucht«] Während Film und Erzählung längst die ländliche
Umgebung zu ihrer Domäne erklärten, scheint das städtische Umfeld immer noch den vornehmlichen Standort abzugeben für die Welt der Lyrik. Sicher, es gibt die reisenden Poeten an den Küsten Irlands und auf den griechischen Inseln,
und es gibt auch darüber hinaus nicht nur zaghafte, sondern meisterhaft gelingende Versuche von Lyrikern, das scheinbar verlorene Terrain der Natur auf dichterische Weise wiederzugewinnen, aber meist entsteht diese Produktion
mindestens an der Peripherie der Städte; selten genug ist ihr Standort die ländliche Natur selbst. Dieser Befund allein schon mag genügen, um Theo Breuer, den im 800-Seelen-Dorf Sistig in der Eifel lebenden Lyriker, Übersetzer,
Herausgeber und Essayisten, als eine poetische Ausnahmeerscheinung zu empfinden. Mehr als fünfzehn Buchpublikationen verzeichnet der jüngste »Kürschner« unter seinem Namen, doch damit nicht genug. Auch als Herausgeber
origineller und originaler Künstlerbücher, als Gründer und Editor der inzwischen vielbeachteten Zeitschrift »Faltblatt« und als Förderer junger Talente hat Breuer sich einen guten Namen verdient. Was diesen Lyriker weiterhin
auszeichnet, ist seine bemerkenswerte Faszination für das Aufspüren, Sammeln und Lesen von Lyrik. Breuers ausgeprägte Empfänglichkeit für alle Bereiche des lyrischen Schaffens hat schließlich auch sein eigenes Werk beflügelt.
»Land Stadt Flucht« lautet der Titel von Theo Breuers jüngstem Gedichtband, er vereinigt Gedichte aus den Jahren 1995 bis 2002. Die im Titel bereits angedeutete Montagetechnik in ihrem doppelten Bezug – auf die Verhältnisse der
Natur wie auf die der Literatur – wird in den Gedichten weitergetragen und vielfältig variiert. Unverkennbar ist dabei Breuers Beeinflussung durch
literarische Avantgardismen der 20. Jahrhunderts – konkrete und visuelle Poesie, Surrealismus, pop poetry und Weltdichtung. Das weite Spektrum, auf dem Breuer seine eigenen Verse auslotet, deutet sich auch in den Motti an, die u.
a. von Novalis, Neruda, Christensen und Brinkmann stammen. Immer wieder Brinkmann: Die Sympathie für diesen großen Avantgardisten war in Breuers Versen stets schon spürbar, aber spätestens mit diesem neuen Band zeigt er, dass sich
seine eigene Ästhetik keineswegs darin erschöpft, auch wenn es zu den Höhepunkten des Bandes gehört, wie Breuer dem Vorbild in seinem Akrostichon »rdb« ein Denkmal setzt. Nicht minder beeindruckend – und leider von trauriger
Aktualität – ist die »Schlachtplatte«, eine nüchtern-visuelle Anklage gegen die Kriege dieser Welt. Daneben steht auch Leichteres, zum Beispiel »my own night song« in seiner geschicktesten Bezüglichkeit auf Goethe, Jandl und
Rimbaud. - Diese und andere Dichter: Es dürfte dem Lesegenuss bei der Lektüre der Gedichte entgegenkommen, sie zu kennen (oder, mit Breuers Hilfe, kennen zu lernen). Nur so ist nämlich zu empfinden, dass Breuer etwa mit seiner
geschickt aus einer Vielzahl von Gedichttiteln collagierten Hommage unter dem Titel »aus meinem mittelgebirgischen dorf« dem ländlichen Raum ein Denkmal setzt, das über die privat-poetischen Reflexionen hinausragt in den Raum der
Dichtung selbst. Darin liegt auch das Faszinosum dieser Dichtung: Aus der Tiefe des ländlichen Raumes lässt Theo Breuer die „eisblumen klirren“ und schenkt uns mit „lila gelächter“ einen Ausblick auf die Perspektiven
zukünftiger Avantgarde. Der schroffen Schönheit dieser Dichterstimme ist zu wünschen, dass sie weit über die weichen Eifeltäler hinaus jene Aufmerksamkeit findet,
die ihr seit langem gebührt.Theo Breuer: »Land Stadt Flucht«, Gedichte, Edition Ye, Sistig/Eifel 2002, ISBN 3-87512-194-5, 64 S., 7,50 Euro
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