So lange

An der Stelle, wo Richter sonst immer stand, genau über dem Scheitel des Stahlbogens, sah er heute einen Mann stehen, so dass er weitergehen musste, fast bis zum anderen Ende der Brücke. Hier war es weniger tief, hier stand man genau über der verschneiten Böschung des Ufers, hier waren es nur noch fünf Meter.
Ob das reichte, fragte er sich. Schnell fließendes Wasser und eine froststarre Trift sind zwei verschiedene Dinge. Fünf Meter sind nicht acht Meter, die es dort, am Scheitel, hinunterging, dort, wo dieser Mann heute stand, an Richters alter Stelle. Zu beiden Enden der Brücke gleich viel Abstand, über der Mitte des Flusses, über der Mitte der Welt.
Was tat dieser Mann dort? Was hatte er dort zu suchen? Was stand er dort, an dem Platz, den Richter seit zwei Jahren beinahe jeden Morgen aufsuchte? Dieser Platz hoch oben über den Zeilen, die das Wasser ihm Tag für Tag schrieb, war ihm in dieser Zeit zur Rettung geworden, zur letzten Ausfahrt, zum Anker. Hatte der tägliche Entschluss, gleich jetzt hier oben den Halt zu verlieren, Richter nicht wieder ins Leben gebracht?
Er blickte zur Seite, zum Scheitelpunkt der Brücke hin, die wie ein umgestürztes Tor zwischen den Ufern lag. Der Mann, nur mit einer Windjacke und Jeans bekleidet, die um seine Beine flatterten, blickte nach unten und wischte dabei die leichte Hülle aus Schnee vom Geländer. Seine Füße verloren den Kontakt zum Boden, dann bog sich sein Körper nach vorne und verschwand langsam aus Richters Blickfeld.
So lange, dachte Richter und ging auf die Stelle am Scheitel zu, zu seiner Stelle hin, die jetzt wieder frei war.
Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert.

                                 (c) Gunnar Kaiser, Köln