Rilke und Freud spazieren durch den Garten

Ich will mir mit den Teufeln nicht auch noch die Engel austreiben
lassen. Welch ein wunderlicher Satz. Niemand anderem als ihm hätte ich diesen seltsamen Ausspruch abgenommen. Zusammen mit meinen Teufeln werden auch meine Engel verschwinden, wenn ... ja, was?

Meine Engel - was bezeichnet er als seine Engel? Ich weiß es nicht. Aber sie müssen ihm seine Höllen erleichtert haben. Nein, sie, die Engel, haben ihm seine Höllen erst begründet, sie haben sie ihm erbaut, sie tragen sie ihm. Das weiß ich.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang, den ich mit ihm, dem schon berühmten Dichter, und Dr. Freud zusammen mache. Es ist in Italien, in den Dolomiten, in einem Garten voller Hyazinthen, Rosensträucher und Orangenbäume. Wir wandeln langsam in der Nachmittagssonne dieses Septembertages, der so still und schön ist, daß er uns immer wieder vergessen läßt, beinah vergessen läßt, daß er ein weiterer Kriegstag ist, ein weiterer Tag enthemmter Grausamkeiten und des fortschreitenden Untergangs. Dr. Freud geht rechts neben mir, in seiner leicht gebeugten Haltung, eine Hand auf einen Spazierstock gestützt, mit der anderen seine Worte gewandt unterstreichend, und preist die Schönheit und Herrlichkeit der uns umgebenden Natur. Er, mit seinem verzagten Schritt leicht kränklich wirkend, die Hände in den viel zu weiten Mantel vergraben, den er trotz der Hitze trägt, geht links neben mir, ein wenig nach vorne versetzt, weshalb er sich immer wieder umdrehen muß, um uns, wie es seine Art ist, beim Gespräch in die Augen blicken zu können. Anfangs schweigt er, voller Aufmerksamkeit für das, was sein Gesprächspartner vorträgt. Irgendwann beginnt er selber mit einer halb wehleidigen, halb spöttischen Klage, die er mit einem absonderlichen Vergleich eröffnet. Diese Blumen, so sagt er, indem er mit dem von seinem Schnurrbart fast verdeckten Kinn auf einige hellgrüne und wasserblaue Hortensien weist (eine Geste, die bei ihm keinerlei Andeutung von Abwertung enthält), diese Blumen sind wie Gott, jede einzelne ist ein Gott, und wir sind wie die Engel, die ihn umfliegen und ihn seines eigenen Seins versichern.

Wir sind wie die Engel. Wie lange mußte ich über diesen Vergleich nachdenken. Die Engel - immer wieder. Wenn ich etwas von ihm zur Hand nehme und lese, dann meine ich plötzlich, den Schlüssel gefunden zu haben, und im nächsten Moment stehe ich wieder ratlos davor. Irgendwann habe ich ihm geschrieben und geraten, er solle die Möglichkeit einer Behandlung seiner Lage durch einen Psychoanalytiker in Betracht ziehen. Ich will mir mit den Teufeln nicht auch noch die Engel austreiben lassen, ist seine Antwort, und ich frage mich, ob er das ernst meint. Sind ihm seine Engel so viel mehr wert als das Ende seiner Qualen?

Ein jeder Engel ist schrecklich, sagt er plötzlich. Dr. Freud sieht ihn an. All dies um uns herum, fährt er fort, um dem Satz nicht zuviel Gewicht zu verleihen, und zählt willkürlich einige Dinge auf, die ihm begegnen, die Hortensien, rosa und grün, die Bienen auf den Narzissen, der Sonnenstrahl, der sich in den Blättern der Platanen fängt, die Rosen - dies alles ... Seine Stimme versagt, er hat sich beim Sprechen übernommen und muß seiner Hast Tribut zahlen und stockt. Und schließlich: Dies alles - dem Vergehen geweiht, schon bald, im Winter, wird alles dahingeschwunden sein, vergangen und tot. Und nicht nur dies, ebenso jegliche menschliche Schönheit, alles Schöne und Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen könnten - vergebens, nichtig, entwertet durch das Schicksal seiner Vergänglichkeit.

Und wir, mittendrin, sind wie die Engel und unsere einzige Hoffnung ist es, von der Herrlichkeit Gottes zu zeugen, bevor er verschwunden, bevor er gestorben sein wird.

Wie gut kenne ich diesen Blick. Er lächelt und sieht zu uns hin, als bereue er ein weiteres Mal, zuviel von sich preisgegeben zu haben. Mein Freund, ertönt Dr. Freuds ebenso sanfte wie kräftige Stimme, auch das Schmerzliche kann wahr sein! Er macht eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf uns zu überprüfen. Wir sind wie Engel, wiederholt Dr. Freud - und verewigen so das Dasein Gottes, habe ich Sie verstanden? Und ohne ein zustimmendes Nicken seines Gesprächspartners abzuwarten, das dann auch ausbleibt: Allein diese Ewigkeitsforderung ist zu deutlich ein Erfolg Ihres Wunschlebens, als daß sie auf einen Realitätswert Anspruch erheben könnte. Sehen Sie doch - Dr. Freud läßt seinen Spazierstock
über das Ende eines am Wegrand liegenden Baumstammes fahren - die Beschränkung in der Möglichkeit des Genusses: erhöht sie nicht dessen Kostbarkeit? Was meinen Sie?

Seine Frage ist jetzt an mich gerichtet, ich spüre seinen Blick auf mir und schweige. Die Ewige Wiederkehr, denke ich. Unser Leben ist kurz, aber von noch kürzerer Dauer ist der ständige Wechsel von Schönheit und Zerstörung.

Er unterbricht meine Gedanken, indem er sich, jetzt mit einer Art letzten Aufbäumens, wiederholt: Ein jeder Engel ist schrecklich. Er vergräbt seine Hände noch tiefer in den Taschen seines Mantels. Wir möchten schreien, nicht rufen, nicht klagen, ich möchte immer wieder nur schreien ob der Kurzlebigkeit der Dinge, ich - ich möchte schreien, aber wer, wenn ich schriee . . .

Dr. Freud schlägt mit seinem Stock auf die hölzerne Sitzfläche einer Bank. Trauern Sie, fragt er jetzt, mit einem Tonfall, der nicht zu der Heftigkeit der vorhergehenden Geste paßt, können Sie trauern? Er weiß, daß seine Frage nicht beantwortet werden wird, weil sie unbeantwortbar ist: Es muß die seelische Auflehnung gegen die Trauer sein, welche Ihnen den Genuß des Schönen entwertet. Sie fürchten, daß etwas nicht mehr sein wird, sie fürchten den Schmerz, sie fürchten die Trauer. Wir müssen keine Engel sein, um dies alles gebührend schätzen zu können. All diese Reize gewinnen dadurch - seine Stimme erhält etwas Triumphierendes -, daß sie endlich sind.

Wenn es eine Blume gibt, welche nur eine einzige Nacht blüht, vervollständige ich in Gedanken, so erscheint uns ihre Blüte darum nicht minder prächtig.

Er ist stehengeblieben, sein Blick richtet sich nach Osten, wo einige verschwommene Wolken den Himmel verdunkeln. Er schweigt, und seine Augen sagen, er möchte jetzt wieder lieber allein sein, hier, inmitten der Schönheit der Natur.
Allein mit seinen Engeln.

Ich habe verstanden, daß er meine Hilfe nicht benötigen will. Was
mögen seine Engel sein? Werden sie so stark sein und seine Höllen tragen?

                                                                                                                                                    (c) Gunnar Kaiser, Köln