Anonyme Autoren

Danke, dass ich heute Abend bei euch sein darf. Ich bin verdammt aufgeregt, und ihr seid so viele, mehr als ein Dutzend, ich hätte gar nicht gedacht, dass es hier in der Stadt überhaupt eine Gemeinschaft gibt. Da fühl ich mich gleich weniger allein. Ich... Ich hab jahrelang so gelebt, als wäre ich der einzige auf der Welt, der... Typisch, nicht? Aber dann hab ich den Frank getroffen, ihr kennt ja den Frank, und der hat mir von euch erzählt. Dem habt ihr damals sehr geholfen, der schreibt heute praktisch kein Wort mehr, nur noch seine Unterschrift - geht eben nicht ohne. Und der Frank hat mir gesagt, dass ich einfach vorbeigucken soll, »gib dir’n Schubs!«, und auch, dass ihr ganz zu Anfang immer diesen bestimmten Spruch hören wollt, ja, ich seh schon, ihr fangt an zu grinsen, und es fällt mir auch wirklich wahnsinnig schwer, aber ich tu’s. Ich tu’s. Ich kann nicht mehr zurück. Also ... Ich heiße Günther, ich bin Autor. - Poh.

Und ich will echt runter davon, das müsst ihr mir glauben. Ich hätte auf dem Weg zu euch fast eine Zeitung gekauft, wegen der Kreuzworträtsel, da hat mir richtig die Hand gezittert. Noch mal gut gegangen.

Meine Geschichte? Mit dem Schreiben fing das ganz harmlos an, das kennt ihr wohl selbst. Ich hab mir als kleiner Junge Stories ausgedacht, science fiction, Raumschiffe, Monster, Laserkanonen, irgendwann hab ich die in Schulhefte geschrieben, drei Seiten, mit Pelikano-Füller, weiß ich noch genau, da war ich vielleicht zehn. Gut, das macht jeder mal. Hat auch schnell wieder aufgehört. Ich hab viel drüber nachgedacht, und ich glaub, damals wollte ich gegen meine Eltern rebellieren. Die haben ja nur Illustrierte gelesen, Hauptsache viele Bilder, und in der Zeitung höchstens die Schlagzeilen. Wenn wir abends im Wohnzimmer zusammen ferngesehen haben, und die Tagesschau hatte zu viele Untertitel, dann haben meine Eltern richtig verärgert gegrunzt. So waren die. Ihr könnt euch denken... - Was?  Nein, nein, ich nehm ihnen nichts übel, sie wollten das Beste, ich weiß. Meine Mutter hat am Fließband gearbeitet, mein Vater war Baggerführer. Sie haben mir verboten, auch nur ein Wort mehr zu schreiben als meine Schulaufgaben, das haben sie kontrolliert: »Zeig mal Dein Heft!«

Aber ich war verbohrt. Mit zwölf. Ich hab meine ersten Gedichte Zeile für Zeile auf die Seitenränder vom Lesebuch geschrieben, da haben meine Eltern nie reingeschaut. Und die verdammte Schule! Seid ihr auch alle so gut gewesen? Der Deutschunterricht hat überhaupt nichts ausgerichtet, das ist doch zum Verzweifeln, okay, das waren diese paar Aufsätze und Diktate, nur das Minimum, streng nach Lehrplan, aber natürlich waren meine Sachen immer die besten und die längsten, und keiner von meinen Lehrern hat mich aufgehalten, keiner wollte mir eine schlechte Note verpassen. Ich finde das unverantwortlich, und wenn ihr wollt, setze ich mich bei euch dafür ein, dass diese Verhältnisse abgeschafft werden. Habt ihr Arbeitsgruppen gegen sowas? Ja? Super! Stiftung Lesen - was es heute nicht alles gibt! Ich musste meine Deutschzensuren per Hand mit Rotstift nachfälschen, aus einer 2 konnte ich eine 3 machen, und aus einer 1 sogar eine 4, sonst wäre alles aufgeflogen. In den Pausen saß ich auf dem Klo und hab die Klassiker gelesen, und dann erst zu Hause ganz offen am Küchentisch die Pflichtlektüre, natürlich mit Frustgesicht, perfekte Tarnung, na, da nickt ihr, so konnte ich viel mehr lesen. Bei mir hat das Spielchen jahrelang geklappt, unglaublich, wenn ich heute dran denke. Aber mit fünfzehn war Schluss, da hat mich meine Mutter erwischt. Ein Reclambändchen, Hamlet, weiß ich noch genau, versteckt in einer Videohülle. Mama. Wie sie mich angefleht hat, »Junge, lass die Finger von der Weltliteratur!«, Mama!... - Tschuldigt... - Und... Dabei wusste sie gar nicht, dass ich längst über hundert Gedichte geschrieben hatte. Ich musste ihr versprechen, niemals zu studieren. Meinem Vater wollte sie erstmal nichts verraten, aber das kam später von selbst raus, weil ich tagsüber heimlich seine Schreibmaschine benutzt hab - seltsam, nicht, Papa hatte so eine kleine, nur für Steuerformulare, alle seine Freunde und Kollegen haben die mitbenutzt - ja, und dann war Schluss: Das Geklapper ist unseren Nachbarn aufgefallen. Die meinten es natürlich nur gut. Meine Eltern haben die Maschine gleich weggeschlossen, »in Sicherheit«. Taschengeld gab’s nicht mehr, ich würd’s ja bloß für Stifte und Papier ausgeben, und Papa hat mich verdonnert, jeden Tag drei Stunden fernzusehen, bis ich volljährig war. Hat nichts genützt. Hat gar nichts genützt. Vor der Glotze stellte ich mir einfach im Kopf meine ersten Kurzgeschichten vor und schrieb sie nachher mit einem geklauten Kuli runter, auf Klorollen, was anderes gab’s bei uns nicht. Hätte ich euch damals gekannt, wer weiß... Ihr solltet unbedingt mehr auf Jugendliche zugehen, das ist wichtig: Echte Freunde hatte ich sowieso nicht, aber ein paar Klassenkameraden wollten mich ins Kino einladen, aus Mitleid. Als ich denen sagte, »hey, ich hab’ das Buch zum Film gelesen«, war ich sofort der Außenseiter. Mir hat nie einer geholfen, im Gegenteil. Schreib’ mal wieder!, das gab mir den Rest, an jeder Straßenecke war so ein Plakat. Da musste ich eben Tagebuch führen, und schon kamen die Phantasien von der eigenen Werkausgabe, Wahnsinn.

Dann ging’s natürlich schnell. Die erste Novelle. Das Abitur habe ich hingeschmissen, meine Eltern waren erleichtert, und sie sind fast vor Glück ausgeflippt, als ich eine Lehre anfing, als Gärtner, klar, Anpassung. Ich hatte meine Ruhe, äußerlich. Ich glaube, ihr alle kennt diesen Krampf mit den Tarnungen. Aber nach Feierabend mussten bei mir immer härtere Sachen her, jeden Tag ein paar Seiten Prosa. Ich war ausgezogen, da fiel das meinen Eltern nicht auf, sonst hätten die mich verstoßen. Mit zweiundzwanzig der erste Roman, logo. Finales Stadium.

Also ich bin Autor, klare Sache. Ich sitze an meinem Hauptwerk, Zettels Erwachen, aber jetzt habe ich euch getroffen. Hoffentlich könnt ihr mir helfen, bevor ich einen Verlag finde.

 

                                                                                         (c) Marcus  Jensen, Berlin