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Überlieferungen aus Vergänglichkeit [Über den Gedichtband
»der mond vergebens« von Christoph Leisten]Der neue Gedichtband von
Christoph Leisten bringt in fünf Abteilungen eine Auswahl aus vorwiegend unveröffentlichter, aber auch veröffentlichter Lyrik des 1960 geborenen Autors. Die Texte, die sich durch eine große thematische Spannbreite auszeichnen,
erzählen von fernen Ländern mit exotischen Farben und Düften, von vertrauten einheimischen Landschaften und der rauen Poesie der Städte und Vorstädte. Sie sprechen Individuelles und Gesellschaftliches, Politisches wie
Philosophisches und Religiöses an, fangen stille Augenblicke der Zweisamkeit auf und berichten von der Einsamkeit inmitten der Menge. Leisten ist ein sensibler Beobachter, offen für vieles, was die Menschen am Anfang des 3.
Jahrtausends beschäftigt. Die einfühlsamen Beobachtungen und Reflexionen präsentieren sich in einer Sprache auf hohem dichterischem Niveau. Leisten arbeitet ebenso sorgfältig mit der Bildersprache wie mit rhythmischen und
klanglichen Stilmitteln. Seine Metaphern sind durchwegs eingängig und doch originell und überraschend; so wird z.B. in einem Gedicht, in dem der Mond als zentrales Bild fungiert, der Prozess des menschlichen (und dichterischen)
Reifens als ein Erblicken des Ganzen anstelle von Einzelheiten folgendermaßen dargestellt: »lange genug / im schatten gelebt / in mondseen ertrunken / im mondstaub erstickt:/ jetzt, jenseits der schatten / erscheinen die krater /
vereint zum gesicht.« Ein von Leisten bevorzugtes Stilmittel ist das Enjambement, wodurch er vielfältige Assoziationen erzeugt: »...wünsch dir, was / nicht in erfüllung gehen wird, wie es sich dreht / und wendet, in übergängen
deiner tage, // ein bild für stunden, satz und zeit.«Rhythmus und Klang der Gedichte sind in der Weise sorgfältig beachtet, dass sich schließlich eine überzeugende Harmonie von
Begriff und Sinnlichkeit ergibt: So hört der Leser geradezu in dem Gedicht »Zeichen«, in dem Bilder einer Industrievorstadt vorkommen, dank der Alliterationen und Lautmalereien die
maschinellen Geräusche: »schrebergärtner / gegenüber / zetern beete / jätend die idylle / zwischendrin / zerreißt ein zug / von zeit / zu zeit.« Sehr häufig werden
in den Gedichten die Sprache und der Prozess des Schreibens thematisiert. Es scheint fast, als ob die vermeintlich unpersönlichen Bezugnahmen auf die Sprachlichkeit zu den persönlichsten Merkmalen von Leistens Lyrik gehören würden.
So oft ist in den Gedichten die Rede von Buchstaben, Wörtern, Silben, Sätzen, Interpunktion, Namen, Gedichten, Berichten und dem Schreiben überhaupt, dass der Leser den Eindruck gewinnt, die Dichtung bedeute dem Autor eine das
Individuum letztlich rettende Macht, ohne die der Einzelne einer modernen Sinnkrise ausgesetzt wäre. In der Poesie wird die Welt als eine beschreibbare und lesbare Realität bewahrt: »das meer ist kleiner geworden, wie jetzt du /
ein einzelnes wort, das in wellenbewegungen // wiederkehren will auf grundlosem sand... « oder: »im gang die blätter noch aus wirbeln / vom vergangenen jahr: späte pergamente // einer überlieferung aus vergänglichkeit.«
Die letzten Zeilen der Gedichtsammlung bringen den Wunsch zum Ausdruck, die in der Sprache gerettete, ansonsten vergängliche Welt mit anderen Menschen zu teilen: »was bleibt // dir noch: das kind in dir, das zeichensein, / der neue
kalender, gemeinsam eine erde.«
Christoph Leisten: der mond vergebens, Ausgewählte Gedichte,1996–2006, Lyrik-Taschenbuch Nr. 58, ISBN 978-3-89086-584-3
, 76 S., Rimbaud Verlag, Aachen 2006, 11,- Euro
(c) Klara Kurkova, Aachen
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