Das Glitzern kleiner Welten

                         [Anmerkungen zu dem neuen Prosaband von Walter Lobenstein -  »Der Silbermann«]

Von Walter Lobenstein, der seit 40 Jahren die Literaturzeitschrift »Wegwarten« herausgibt, ist ein neues Buch mit kurzen Geschichten erschienen. Seine Geschichten sind exemplarische Lehrstücke. Das haben sie mit Brechts Keuner-Geschichten gemein. Anders jedoch als Brecht, der logisch und systematisch vorgeht, konzentriert sich Lobenstein auf das Kontemplative.
Es sind die Imponderabilien, auf die der Autor besonders achtet und auf die er »seine Hand legt«. Er bündelt diese Betrachtungen in einem Kaleidoskop der Gegenwart. Das gemeinsame Zentrum dieser Erzählungen markiert eine besondere Erfahrung im Alltag. Dahinter verbirgt sich für den Autor entweder eine anthropologische Konstante (Mythen, Märchen, religiös-traditionalistischer Kanon), die auf die Gegenwart übergreift, oder aber, wenn sie darauf nicht zurückführbar ist: das Phantastische - der Einbruch des Unbekannten, des Bedrohlichen ins alltägliche Leben. Infolgedessen alternieren in diesem Band Alltagsgeschichten und phantastische Erzählungen.
Dreischneuß-Leser werden sich an die geheimnisvollen Geschichten der Wasserfrauen »Undine« und  »Die Nixe« sowie an »Laura« erinnern.
Die meisten Erzählungen Walter Lobensteins beginnen mit einer Alltagssituation, in der kaum merkbare Veränderungen stattfinden und die Protagonisten plötzlich vor einer ungewöhnlichen Aufgabe stehen, die sie aus ihrem Alltagsgeschehen heraushebt. Der Autor verleiht diesen Situationen offensichtlich Modellcharakter für die Bewältigung der Probleme der Gegenwart. Lobensteins Verwurzelung in der kulturellen Tradition läßt sich aus nahezu jeder seiner Geschichten herauslesen. Seine Motivation ist dabei eine traditionalistisch geprägte Gesellschaftskritik.
In der Geschichte »Der verlorene Sohn« zeigt er einen Vater, der nicht vergeben kann und deshalb gleichsam verloren ist. Die expressionistische Verve, mit der er seine Lösungsvorschläge vorträgt, findet nicht immer den Rahmen, in dem sie sich objektivieren darf. Man ist gefesselt von dem Thema und erwartet nun eine Konkretisierung oder Erklärung des Festgestellten. Doch an dieser Stelle brechen einige Erzählungen bereits ab, so beispielsweise in »Frühlingsfest« oder in »Kain«.
Die Titelgeschichte »Der Silbermann« stellt nicht nur, wie der Autor behauptet, eine Erklärung für die Motive des Handelns (»daß es Menschen gibt, die nur durch Geld zu bewegen sind«) sondern auch eine schlichte Geste der Dankbarkeit dar. Die perfekte Körperbeherrschung des Schaustellers sollte auch als (Dienst-)Leistung anerkannt werden, die in unserer »bewegten« Welt beispielgebend ist.
Es gibt in diesem Band etliche Geschichten, die eine Entdeckung sind. »Philemon und Baucis« sei stellvertretend dafür genannt. Hier ist der Autor in seinem Element. Was er da zu sagen hat, ist bleibend.
Insgesamt liefert Walter Lobenstein in diesem Band originelle Denkansätze, die den Leser dadurch »bescheren«, daß sie ungewöhnlichen Blickwinkeln entspringen und überraschende Schlußfolgerungen einleiten. Allein dies macht den neuen Band von Walter Lobenstein schon lesenswert.

Walter Lobenstein: Der Silbermann, Kurze Geschichten, Reihe Lebensformen (hrsg. von Dr. Ulrich Beer), Centaurus Verlag, Herbolzheim 2005, 170 S., ISBN 3-8255-0502-2, Euro 14,90

                                                                                               © Herbert-Werner Mühlroth, Großhansdorf