Weg durch Granaggiolo

Die schmale Teerstraße schlängelt sich langsam höher, unmerklich im Auto, aber mit meinem schweren Gepäck auf dem Rücken durchfeuchtet sich mein T-Shirt. Das Meer bleibt hinter Barcaggio zurück, und die Ile de la Giraglia entfaltet eine immer schönere, grazilere Form, je höher ich steige, ohne dass ich genau sagen könnte, welche Form es ist. Kaum Autos entlang des Weges, der sich auf halbem Hang durch einen Wald zieht, der späten Abendsonne abgewandt. Ein weites, fruchtbares Tal. Selbst die Teile, die heute schon Wald sind, haben noch deutliche Reste von Steinmauern, Terrassen, die frühere Kultivierung andeutend. In der Senke vor allem einige Weiden mit Pferden und Ziegen, vieles liegt brach. Schon im Tal sind mir die Fassaden aufgefallen, die in der Landschaft stehen, alte Häuser ohne Dach, ein  paar mit nur drei Wänden. Ruinen seit Jahren oder Jahrzehnten. Das ganze Tal. Käfer haben sich am Abend in den Blütenköpfen der verblühten Disteln festgebissen, oft sind es genau vier, gelegentlich auch mehr, die eine sternförmige Rosette bilden, so als seien sie Teil der Blüte.  Ein kleiner Ziegenstall liegt in der Wegkurve, die Ziegen springen am Zaun hoch, weil sie vielleicht durch meine Schritte auf Befreiung hoffen. Alte Transportautos, verschiedenfarbig, nur dadurch gleich, dass sie keinen Motor mehr haben. Attention Chevaux. Im Wald: Kühlschränke, Schreibtischreste hängen in den Bäumen, Platten, ein Backofen. Der zweite Blick auf die unberührte Natur.
Endlich, Granaggiolo. Wie ein Wehrdorf klebt es am Berg. Der Anblick und die Aussicht kommen überraschend, plötzlich. Unwillkürlich bleibe ich stehen. Fast ein Bild aus Sarazenenzeiten, ein Festungsdorf, aber das ist es nicht, was meinen Blick gefangenhält, nein, lebt dort noch jemand? Über das schmale Tal hinweg verbreitet es die Aura, nichts mehr könne dort am Leben sein. Dunkle Häuser, der Blick geht durch dunkle Fensterrahmen, Öffnungen ohne Glas, ins Leere. Mitten im Ort. Häuser ohne Dächer.
Es wirkt, als hätten sich alle Bewohner in die Keller zurückgezogen. Und doch hängt eine Wäscheleine mit Wäsche herum, graue Wäsche. Und Hunde bellen nun. Also kann ich weiter. Links am Weg eine Oase, unwirklich, berauschendes Grün auf zehn Metern, üppiges Schilfgras, Binsen, der ganze Hang tropft. Eine Quelle. Kurz darauf ein verlassenes Becken. Die Quelle ist nicht mehr eingefasst. Die Natur hat sie zurückerobert. Eine Fata Morgana im Verfall. Danach Häuser, eines nach dem anderen, früher, keine Ahnung wann. Alles was noch zu sehen ist, sind die Fundamente und Wege. Ein historisches Dorf der Moderne. Noch eine 180°- Kurve, und der Ort empfängt mich. Ein Strommast mit ungelenker Aufschrift: Granaghiolu. Korsisch. Autos. Platte Reifen, kaputte Scheiben. Kein Ton. Die Luft scheint stillzustehen, keine Fenster zur Straße hin, wie unter napoleonischem Diktat. Niemand. Plötzlich - mitten im Ort ein sauber gespritzter Hof. Ein Restaurant. Viele kleine Tische und braune Stühle stehen im Hof, der aussieht wie in einem Freilichtmuseum, wenn die Häuser dahinter nicht verfallen wären. Aber niemand, kein Mensch sitzt auf den Stühlen. Hat Mephisto zu einem unsichtbaren Bankett geladen? Chez Néné. Ich fühle mich als Gefangener. Beobachtet durch zweihundert unsichtbare Augen, hundert unsichtbare Münder hinter imaginären Vorhängen. Nur weitergehen, nicht stehenbleiben. Es sieht aus wie im Bürgerkrieg, eine gespannte, unwirkliche Atmosphäre. Die letzten Häuser, endlich bin ich draußen. Ich habe niemanden gesehen, niemanden gehört, obwohl die Stimmen in der Stille der Luft lagen. Klagende Stimmen. Was ist passiert mit meinem Granaggiolo? Warum sind alle gegangen, haben uns zurückgelassen, an den beschwerlichen Hängen des Inlands?
Als die Hunde wieder beginnen zu bellen, fällt mir auf, dass sie ruhig waren, während ich den Ort durchquerte, als wollten sie selbst teilnehmen an der angstvollen Leichenschau. Wenn du je auf diese Atmosphäre stößt, könnte es Granaggiolo sein, geh weiter, ruhig, und bleib nicht stehen.
                                                                                            (c) Wolfgang Kathe, Mainz