Das T-Shirt-Wunder

Manche Dinge erscheinen einem immer wieder neu und wundervoll, ganz egal, wie oft man sie schon erlebt hat. Es ist, als ob man nicht gewusst hätte, dass es sie gibt, und dann sind sie da, und man steht vor ihnen wie vor einem unerwarteten Geschenk.

Wir haben den 27. April, und ich habe gerade mein Lieblings-T-Shirt angezogen. Ich stehe vor dem Spiegel und probiere ein paar einfache Bodybuilderposen, um zu sehen, ob ich noch in Form bin. Hinter meinem Rücken sitzt die Sonne auf der Fensterbank und beobachtet mich. Es gibt immer diesen einen Tag im April, in dem es schon so warm ist, dass man mit einem T-Shirt auf die Straße gehen kann. An den anderen Tagen regnet oder schneit es oder ein Sturm weht durch die Straßen. Aber jedes Jahr im April gibt es diesen einen perfekten Tag. Und vor genau vier Jahren habe ich dich an diesem Tag kennen gelernt. Es ist unser Tag, und es ist jedes Jahr ein anderer. Aber es sind immer du und ich und der April. Ich habe mich vorher nie für den April interessiert, aber seit wir uns kennen, ist das anders. Der April ist ein ziemlich aufregender Monat geworden. Wir sind beide immer sehr gespannt, wann es soweit ist. Dieses Jahr hat es ziemlich lange gedauert, aber heute ist es soweit.

Du hast es schon heute Morgen gewusst. Du bist aufgewacht und hast es gewusst. Du hast mich nicht geweckt. Du bist zum Schrank gegangen, hast mein T-Shirt herausgeholt und mir auf den Schreibtisch gelegt. Und dann hast du dich auf den Weg zur Bibliothek gemacht, um dort an deiner Arbeit weiterzuschreiben.

Als ich auf die Straße trete, richten sich die Haare auf meinen Unterarmen auf. Sie sind soviel Freiheit nicht mehr gewohnt. Sie nehmen einen tiefen Zug von der milden Frühlingsluft, und lehnen sich danach wieder zufrieden zurück. Ich schaue kurz beim Bäcker rein und kaufe dein Lieblingsgebäck, einen Butterstreuseltaler, der wirklich nur aus Butter und Streuseln besteht.
Es ist irgendetwas an diesem T-Shirt und diesem Apriltag, das die Frauen dazu bringt, sich nach mir umzudrehen. Du sagst das ja auch. Schließlich hast du mich an diesem Tag in diesem T-Shirt kennen gelernt. Sogar Frauen, die mit einem Mann an ihrer Seite spazieren gehen oder einen Kinderwagen vor sich herschieben, sehen mir nach. Ich weiß nicht, warum das so ist. Es ist gar kein besonderes T-Shirt. Es hat mittlerweile mehrere Mottenlöcher, und die Farben sind auch schon verwaschen. Vielleicht sieht man mir an, dass ich es besonders gerne mag und mich in ihm wohlfühle. Auf jeden Fall sind diese weiblichen Blicke ein schönes Kompliment, dass ich mir einmal im Jahr gerne gefallen lasse.

Da bist du.
Ich sehe dich schon von weitem.
Du stehst am Eingang der Bibliothek.
Ich trage das T-Shirt, und in der Hand halte ich die Tüte mit dem Streuseltaler.
Du siehst mich jetzt auch, und als du mir winkst, leuchten deine Augen wie zwei zufriedene Flusskiesel in der Sonne.

                                                                  (c) Daniel Klaus, Berlin