Liebe - Tage der Glücke

                                                [ für Gottfried Benn, 2004 ]

I
Mein lieber Bonvivant, Du alter Schwerenöter,
                  sag es:
Am Ende bleibt man doch allein für sich.
Uns trennt die feine, unbeugsame
Hülse, dieser Fluch, genannt die Körperschicht.
                  Dieser Vorhang ganz aus Pergament,
dieser Fahrradschlauch.
Selbst die Schrift vergeht darauf.
Und die Seele, die ward Fleisch und
Du hörst nicht auf.
                 Wirst auch weiterhin berichten:
Ohne Mantel, ohne Häute,
da gleicht jeder seinem
Nachbarn. Wie ein Zwilling.
Menschenkinder, Hurenbräute,
diese ganze Epigonenbrut.
Paralysen rafften sie dahin.
Lädst sie immer wieder ein, zur Diskussion und
                 Mensch - wie recht Du hast,
warum das Leichte mit so schweren Wörtern zügeln?
Liebe - das ist so eins.
Das Bleikorsett
ziehst Du Dir längst schon nicht mehr an.
»ich sehe dich gern an - ich fühle dich gern an - ich esse gerne mit dir«
Dinge also, leicht wie eine Sinnesregung,
Flimmerhaare, Blitze im Neuronenfilz.
                 Dann zucken wir uns an,
Verrenkung, jeder ganz für sich,
ganz wie auf dem Leichentisch,
                 Requiem von 1912.
Kommen aber doch ans Ziel. Verflixtes Schweinehirn.
Dann ziehen wir uns an.
                »ach - morgen« -
Seufzer wie im Tagelied.
                 Der von Wolkenstein: Dieser Name hätte Dir gefallen.
Eine Wolke und ein Stein, hier werden wir beisammen sein.
Ein Primaner-Vers an Deine Lotte könnte so gelautet haben.
Oder Frankfurt, Tanzstunde 1902, unterm Pflaumenbaum.
Jetzt die Alterswarzen, seborrhoeisch,
steckst in Deiner Krebsbaracke fest
und hast offenbar noch Freude dran.
                 Bist ungeheuer oben:
Benn Blau, B.B. an seine Marie A..
E.L., who's that?
E.ine L.ange Nacht
und dann der ganze Tag.
Eine Nacht sei uns gestundet,
bald ist diese bleiche Wolke fort

II
Alter Schocker, schöne Tage im August,
aber »ich lebe nicht mehr lange«.
Stellst Dir selbst die Diagnose,
keine Götter neben Dir. Am Körper, da bist
Du der Chef. Knochenschmerzen, Altersfrust.
»felice notte« meinst Du wohl.
In den Krankenhäusern lerne ich:
Präfinales Stadium nennt man das.
                Gottfried, Sie sind präfinal.
Albernheiten, man muss kein Philologe sein.
Warum das Leichte durch die Schwere ...,
ich sprach bereits davon.
Dann Bewegungen zu zweit,
Geruch, Geschmack, man scheut vor Sprache hier zurück.
Alle Sprache, alle Kosenamen, sind nur Floskeln,
»unvergleichlich, unvergleichlich«, für ein Glück.

                                                  (c) Daniel Ketteler, Aachen