Gespräche mit Polarforschern (I)

 

»Sie sind es also, der berühmte Polarforscher?«

»Ja, der bin ich. Bald wieder auf großer Fahrt. Unterwegs in Regionen, die kein menschlicher Fuß je betreten hat. Vorstoß ins Nichts, ins Neue, ins Ungewisse, immer wieder. Das dann aber selbstredend nichts Neues mehr ist, sondern durchlaufene Bahn, die sich von der bis dahin zurückgelegten in nichts unterscheidet, sobald der Eisbrecher die nie berührte Kristallfläche zerschnitten hat. Ein schneidendes Messer ist so ein Schiff, und nur mit Kummer könnten die Matrosen auf die Trümmer im Kielwasser schauen. Doch stehen wir vorne am Bug, im Blick das ewig glitzernde, wandellose Eis, das noch das Eis von gestern sein könnte oder von voriger Woche. Und um sicherzugehen, daß dem nicht so ist, zerschneiden wir es. Und das Zerschneiden macht uns Trauern um das glitzernde Eis, wie Kinder.«

 »Aber so bewegen Sie sich doch, ruhen niemals auf der Stelle, sind immer unterwegs, dem Pol entgegen.«

»Auch das stimmt nur halb. Monate liegt das Schiff oft fest, eingefroren, gefangen im Eis. Nur die untergründige Meeresströmung, die stetig unberechenbare Drift des Packeises schiebt es ein paar lächerliche Zentimeter. Für Wochen und Wochen sitzen in dieser Zeit die Seefahrer dann untätig in ihren Kajüten und langweilen sich.«

»Und womit beschäftigen Sie sich während dieser unfreiwilligen Gefangenschaft?«

»Vergessen Sie's. Haha, ja merken Sie denn nicht, daß ich Ihnen was vorgeflunkert habe? Polarforscher, daß ich nicht lache! Nein, in Wirklichkeit bin ich Kleingärtner. Vergnüge mich hinterm Hof an meiner bescheidenen privaten Tulpenzucht.«

»Ach, so ist das? Eine hübsche Sache aber. Ein geruhsamer, so friedvoller Beruf. Und wie zufriedenstellend, ja schon erfüllend muß es sein, die Früchte seiner Arbeit tagtäglich und von Woche zu Woche vor sich wachsen zu sehen. Fast beneide ich Sie!«

»Ach, sagen Sie das nicht. Es ist eine Höllenarbeit. So viel bedroht die zarten Pflänzchen: der klirrende Frost, die verheerenden Blizzards, die meterhohen Schneeverwehungen, die ewige Winternacht, nur selten von gespenstisch fremdartigen Nordlichtern erhellt. Man hat kein leichtes Leben als Tulpenzüchter, hier oben am Pol.«

                                                                                                     ©  Clemens Brunn, Schriesheim