Graceland

Graceland ist von hohen Mauern umstellt. Zu hoch, um einfach darüberzusteigen. Dazu noch abweisend, mit einer Reihe spitzer, eiserner Stacheln auf den oberen Steinen. Eine alte Frau geht leicht nach vorne gebeugt an dem Mauerwerk vorbei. In einer Hand hält sie eine braune Einkaufstasche. Wollte sie hinüber in das Land der Toten schauen, müsste sie sich strecken und auf ihre Zehen stellen. Sie geht mit dem Blick nach unten immer an der Mauer entlang, folgt ihr bis zur nächsten Straßenkreuzung, biegt mit ihr nach links ab und geht ohne Hast weiter. Auf der einen Seite die braunen Ziegelsteine, rechts von ihr Autos, die hupen, einander überholen, nah an ihr vorüberfahren oder am Straßenrand parken. Leute, die aussteigen, Leute, die einsteigen. Leute, die sie nicht sonderlich beachten. Ein Ampellicht springt auf Rot und gebietet allen  zu halten. Die Autofahrer kennen die Regeln. Nach einer Weile des Stillstands mit laufenden Motoren setzen sie ihre Fahrt fort. Die Frau lässt sich vom Geschehen auf der Straße nicht aufhalten, geht immer weiter, bis sie die nächste Kreuzung erreicht und die Mauer neben ihr aufhört. Der Eingang zum Friedhof. Das Tor, das nachts verschlossen ist, steht weit offen. Die Frau geht hindurch.

                                        (c) Rüdiger van den Boom, Chicago

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