Nachtkerzen

Auf den hellen Tapeten des Wohnzimmers spielt das Licht früh-abendlicher Sommersonne. Dein jüngster Enkel erobert sich einen neuen Blick auf die Welt, den vielleicht einzigen Perspektivwech-sel, den ein Mensch im Laufe des Lebens bewältigt. Jauchzend stolpert er zur Wand, will die Lichtflecken fangen, fällt und richtet sich unverzagt wieder auf. Noch einmal lasse ich mich in das Paradies der einfachen Dinge entführen, die zu übersehen ich längst wieder gelernt hatte. Die Möbel sind von der guten Laune des Kleinen poliert und das ganze Zimmer liegt in seinem Zauberbann. Du aber bleibst nebenan.
Als ich in der Küche den Brei für das Abendessen zubereite, kommst du wie ein zager Zaungast herein und bleibst an der Tür stehen. Muss der Kleine nicht endlich ins Bett, fragst du und ich spüre, wie du deine Ungeduld zügelst. Als müsse jetzt alles schnell zu Ende gehen. Bald, antworte ich mit jener gedämpften Stimme, mit der wir seit der Diagnose verkehren. Bald, es kommt nicht auf die Minute an.
Der Kleine hingegen steuert auf dich zu und jauchzt; er sieht dich, nicht deinen Krebs; hemmungslos rempelt er deinen unsichtbar versehrten Körper an und lacht. Als er spürt, dass er dich nicht zu fassen bekommt, jagt er dem großen Schatten von dir nach, den die Abendsonne auf die weiße Raufaser wirft. Ein, wie es scheint, schier unbegreifliches Phänomen, dein Schatten.
Ich kann verstehen, wenn dir das Jauchzen zu laut ist, weiß ich doch, dass Lachen grausam laut sein und dir dies Fest des begonnenen Lebens wehtun kann.
Als ich meinen Jungen dann auf den Hochstuhl setze, er mit dem Löffel auf seinen Mund zielt und stolz einen Teil der Portion hinein-bekommt, sagst du: Wie beneidenswert, einen solchen Appetit zu haben!
Der Kleine leert seinen Teller ohne das Glück seines gesunden Appetits zu verstehen. Im Gegenteil: Er macht soeben die Erfahrung, dass alles Gute irgendwann sein Ende hat. Der Glückliche brüllt.
Man müsste noch mal Kind sein, noch einmal von vorne anfangen können, beharrst du weiter. Alles noch vor sich haben. Da schnappe ich mir schnell mein brüllendes Kind, um hinauf zur Wickelkommode zu gehen. Unwirsch ziehe ich an der Windel und schrubbe mit unnötiger Heftigkeit den schon wunden Po sauber. Wenn ich stellvertretend für alle Kinder Angst habe um die Zukunft meines Sohnes, dann denke ich manchmal, es hat sich überlebt, das Leben, aber niemand wird es überleben.
Nachdem ich zweimal die Strophen von »Der Mond ist aufgegan-gen« gesungen, dabei jedes Mal in die noch nicht untergegangene Sonne geblinzelt und schließlich mit »und unsern kranken Nachbarn auch« geendet habe, fühle ich mich ein bisschen bereiter für dich.
Du siehst mich nicht an, als ich die Treppe herunterkomme. Es täte mir besser, wenn dein vorwurfsvoller Blick nicht das Niemandsland der Wand träfe, sondern mein zerrissenes Gesicht. Vielleicht könnte ich dann zu dir gehen, meine Hand auf deinen Leib legen, auf den Schmarotzer deines Lebensabends, und könnte - wie einer Schwangeren in die Freude - dir in deine Trauer folgen. In unserer beider Trauer.
Hast du Schmerzen, frage ich aber vom Sessel aus.
Die werden kommen, sagst du.
Ich weiß.
Fünf vor acht. In fünf Minuten wird die alte Standuhr erst vier- dann achtmal den sanften Fluss der Zeit zerschneiden, synchron zu den Klängen der Tagesschauankündigung. Schon orientierst du dich an deiner Funkuhr, vergleichst die Zeiten und bestätigst dir routinemäßig die Zählebigkeit des Standuhrwerks in der dritten Generation. Tadellos.
Sollen wir uns nicht lieber in den Garten setzen, schlage ich vor. Jetzt hab' ich Zeit für dich und heute Abend sind wir ganz unter uns.
Du scheinst nicht zu begreifen, antwortest du, dass es mit meiner Zeit zu Ende geht, und suchst die Fernbedienung.
Nebeneinander sehen wir ohne einander die Tagesschau. Explosion einer Feuerwerksfabrik im chinesischen Wangkou, 29 Tote, 140 Verletzte. Unwetter in Pakistan. Betroffen besonders die Provinz Sindh. Mindestens 60 Tote. Ich kann in deinem Gesicht keine Regung lesen. Fühlst du dich durch diese Nachrichten, die du mehrmals täglich hörst und siehst, in die große Notgemeinschaft der Erde eingebunden? Zum Schluss die Freud-und-Leid-Kurzmel-dungen. Katherine Hepburn. Sechsundneunzig ist sie geworden. Freud oder Leid? Du bist nicht einmal ganz achtzig. Mehr als sechzehn Jahre - eine lange Zeit.
Sechsundneunzig Jahre, ein schönes Alter, sagst du. Und mein Vetter ist sogar siebenundneunzig und nicht totzukriegen, obwohl er raucht wie ein Schlot.
Deine Worte sind Gegenwind zu meinen Gefühlen, die stets in deine Richtung wehen. Willst du Hugo tot? frage ich aber nicht. Hast du gesehen, lenke ich stattdessen ab, wie viele Knospen die Nachtkerzen in diesem Jahr haben? Jetzt, nach Sonnenuntergang, springen sie auf, eine nach der anderen. Sie scheinen die Dunkel-heit zu brauchen.
Fast flehe ich dich an, die letzte Zeit, die uns miteinander bleibt, nicht zu verschlafen. Vielleicht könnte ich dir draußen in den warmen Inseln der Dämmerung den Satz sagen, der immer bei mir ist und den du hören möchtest: dass du mir sehr fehlen wirst.
Im Schein des Abendlichts sieht dein Gesicht schön aus. Das wäre ein guter Moment für ein Foto. Ein Erinnerungsbild von heute, von jetzt, wo die Krankheit dich noch nicht so gezeichnet hat. Aber die Stimmung flirrt gegen ein Foto.
Das Wetter von morgen haben wir gerade verpasst. Du zappst ein bisschen herum und holst uns schließlich mit praller Lebenskraft ausgestattete Quizmenschen ins Wohnzimmer. Jetzt sind wir nicht mehr unter uns. Deshalb kannst du sogar lachen, ein bisschen metallisch, ein bisschen nicht-ganz-du, pflichtgemäß wie zum ge-bührenden Applaus. Mit einem Mal aber schaltest du die Fröhlichkeit ab; du musst endlich schlafen, sagst du, als sei es eine an mich
gerichtete Mahnung. Eigentlich hast du etwas anderes auf der Zunge, das du erst herausbringst, als du schon zwischen Tür und Angel stehst: Ihr habt es gut, ihr habt noch alle Hoffnung.

Jetzt werde ich maßlos in meinen Ansprüchen an dein Sterben und unzumutbare Sätze toben sich hinter meiner Tochterstirn aus. Das, worauf wir Hoffnung haben, hast du längst gewonnen für dein altes, schönes Gesicht, in das sich die Falten so eingegraben haben, wie ich sie liebe. Gewonnen für deinen erfahrenen Blick, der mich oft getröstet hat, für die Fülle deiner Worte, von denen mir viele bleiben werden.
Wenig später stehe ich mit einem Strauß Nachtkerzen und Rosen vor deiner Tür und habe Angst vor deinem Spott. Doch als ich die Tür nach einigem Zögern endlich öffne, formt dein Gesicht ein Lächeln wie gegen einen tief verinnerlichten Widerstand, zaghaft zunächst, als würde das Herz wollen, der Mund sich aber sperren. Nur deine Augen zeigen, dass wir uns gefunden haben an diesem Abend, an einem der abzuzählenden Vorabende deines letzten, endgültigen Schlafs.

                        (c) Birgit van der Leeden