Prosafetzen II

Ich liege auf dem Rücken. Meine Schulterblätter berühren den Beton, die Beine schweben ein bisschen über dem Grund. Das liegt an der leichten Strömung hier unten und natürlich an dem Auftrieb. Der Beton ist in diesem ganz bestimmten hellblautürkis gestrichen, das man für Swimmingpools verwendet, und nur da. Ich liebe dieses ganz bestimmte Blau, denn es ist die Farbe der Sorglosigkeit. Schon als Kind habe ich sie geliebt, die Luftaufnahmen amerikanischer Westküstenstädte, gesprenkelt mit leuchtenden Inseln aus Glück. Da wollte ich hin. In das Land der Pools. (Es gibt in ganz Europa nicht annähernd so viele Pools wie zum Beispiel in Los Angeles.) Und ich meine Pools, nicht etwa Schwimmbecken, wohlmöglich kreisrund, mit einer meterhohen Wand aus Aluminium, die man über eine kleine eingehakte Leiter erklimmt, ebenfalls aus Aluminium, und die innen verkleidet sind mit müllsackfarbener Plastikfolie und aufgestellt werden hinten im Garten zwischen dem Komposter und dem Verschlag für den Rasenmäher.

In so einem Schwimmbecken kann man überhaupt nicht schwimmen, dazu ist es zu klein.

Man kann sich auch nicht auf einer Luftmatratze treiben lassen, dazu ist es auch zu klein, man stößt immer irgendwo ans Aluminium und bleibt dann dort hängen.

Man kann auch nicht die Beine bis knapp unters Knie ins Wasser hängen und einfach so ein bisschen baumeln lassen, denn es gibt ja gar keinen Rand, auf den man sich setzen könnte.

Man kann nicht leben in einem Schwimmbecken!

Am Grund ist es zu dunkel, weil das Blau nicht richtig ist, die Folie ist unangenehm auf der Haut, moosig weich irgendwie, die Akustik die einer großen Regentonne. Auf dem Boden eines Schwimmbeckens verendet man an Kleinmut, man erstickt daran wie das Gras unter der Folie.

Nicht so in meinem Pool. Es ist hell hier und ich treibe immerfort im Zustand der Glückseligkeit, deren Abglanz für Sekunden in die Seele eines jeden tritt beim Anblick dieses ganz bestimmten Blaus.
Der klarste Moment: kurz vor dem Eintauchen (der Entschluss ist gefasst) stehend, mit Blick in die weiche Bewegung des Wassers. Da tritt es vor, das Bewusstsein der eigenen geglückten Existenz, die, für diesen einen winzigen Augenblick, kostbar, unangreifbar und ewig ist. Dann der Sprung.Nichts trifft mich, weder Klang noch Körper. Alles, was eben noch fiel, beginnt jetzt zu schweben, aufgefangen und weitergetragen vom leichten Gewebe des Wassers, hinunter, zu mir. Kein Messer kann mich verletzen, kein Stein erschlagen. Gebremst, verlangsamt, verwandelt, gelangen sie schließlich zu mir, verstört und hilflos trudelnd in ihrer Begriffslosigkeit. Aber es dauert nicht lange und sie erkennen das Glück und die Gnade ihrer neuen, wahren Existenz und sie kommen zur Ruhe. Mit der letzten kleinen Perle aus Luft, die sie aus einer versteckten Ritze nach oben entlassen, haben sie sich verabschiedet von der Vergangenheit. Dann gehören sie endgültig zu mir, wie alles andere hier, auf dem Grund des Pools.

                                                                                        (c) Natalie  Balkow, Hüth